Hamburg, 27.02.2009: Unvernünftig war ein Scirocco schon immer. Ein GTI in schicker Verpackung – dafür nahm man einen kleineren Kofferraum, weniger Platz im Fond und einen etwas höheren Preis gerne in Kauf.
Fahrspaß stand vor Praktikabilität und vielleicht war der Scirocco unbewusst das erste Lifestyle-Auto von VW.
Heute ist die Situation etwas anders: für jeden Trend gibt es eine eigene Fahrzeuggattung oder zumindest umfassende Individualisierungsmöglichkeiten um das eigene Auto dem persönlichen Geschmack bestmöglich anzupassen.
Lifestyle ist ein alter Hut – selbst koreanische Kleinstwagen werden mit diesem Attribut beworben. Mitten in dieser Modellvielfalt platziert VW den aktuellen Scirocco. Ein Volkssportler. Ein bezahlbares Sportcoupé. Eine begehrenswerte Kombination aus zwei Welten.
Irgendwie erinnert uns der Scirocco dennoch an einen Finanzbeamten im teuren Trainingsanzug. Natürlich, der 200-PS-Beamte kann unter seiner Jacke fleißig trainiert haben und den feinen Funktionsstoff durchaus mit Muskeln füllen, aber der merkwürdige Eindruck bleibt.
Der alte Golf I GTI war ein echter Wadenbeißer. Es gab keine political correctness, der Einser brachte die Oberklasse gehörig ins Schwitzen. Spartanisch ausgestattet, leicht und ohne Firlefanz war er der Begründer einer neuen Dimension des Fahrens. Der Scirocco setzte diesem Konzept mit seinem Styling damals die Krone auf.
Der aktuelle Volkswagen-Baukasten verwehrt dem Neuen eine solche Möglichkeit leider. Golf V, Eos und Passat sind vor allem eins: perfekt. Für Spielereien ist kein Platz – und das ist das große Problem des Sciroccos. Ein Sportcoupé das dem Fahrer das Herz aufgehen lassen soll muss Platz für Emotionen haben, eine schicke Hülle mit grimmigem Blick, Maschengittern, großen Felgen und Schießschartenfensterlinie reicht hier nicht.
Auch das knackige Heck kann nicht über die biedere Ernsthaftigkeit hinwegtäuschen, die überall zum Vorschein kommt. Natürlich, fahrdynamisch ist der Scirocco eine Wucht. Der 2.0 Liter FSI Motor aus dem GTI wirft das Coupé mit seinen 200PS zügig voran, aber schon bei der Leistungsentfaltung holt uns der Beamte schon wieder ein: Turboloch? Fehlanzeige. Laufkultur? Mustergültig.
Warum muss das sein? Ein Turbomotor muss spürbar sein, den Moment in dem die Zwangsbeatmung richtig einsetzt muss fühlbar sein, das Abblasen des Ladedrucks beim Lastwechsel muss die Nackenhaare freudig aufstellen – Durchschnitt und Langeweile braucht im Scirocco niemand, denn dafür könnte man auch Dacia fahren.
Auch das DCC-Fahrwerk ist fantastisch. Im Sport-Modus verhärten nicht nur die Dämpfer, auch die Lenkung wird nachgeschärft, um den in der Spurweite verbreiterten Volkswagen knackig abbiegen zu lassen.
Doch der Scirocco kann auch anders, denn wenn der Zeitenkampf auf der Hausstrecke keine Rolle spielt und die Schwiegermutter ohne Verstörung zur Familienfeier mitgenommen werden muss, dann spielt der Comfort-Modus seine Stärken aus. Ruhig und gelassen filtert der VW die Unebenheiten der Straße aus und sorgt für mustergültigen Komfort.
Die sensationelle Geräuschdämmung im Innenraum unterstreicht diesen Eindruck zusätzlich. Weder Wind-, noch Abrollgeräusche stören den Fahrer hier auf langer Fahrt.
Auch die serienmäßigen Sportsitze tragen ihren Teil zum erstaunlichen Komfort bei. Sie sind passgenau geschnitten ohne den Fahrer übertrieben in die Zange zu nehmen. Gegen Aufpreis sind sie vielfältig elektrisch verstell- und beheizbar, wie überhaupt beinahe alles im Scirocco gegen Aufpreis ein bisschen besser, elektrischer und einfacher wird.
Niemand wird in der Optionsliste etwas vermissen, außer vielleicht elektrisch versenkbaren Kopfstützen hinten, denn die Netzohren auf der Rückbank sind vor allem eins: unpraktisch. Größeren Personen stützen sie nicht den Kopf sondern drücken ins Kreuz und den Blick zurück verhindern sie zuverlässig.
Vielleicht sah VW mit diesem Design eine Verkaufsförderung des Einparkassistenten vor, der nicht nur piepst, sondern die Parklücke erst vermisst und dann sogar selbst hineinlenkt. Nur Gas muss der Fahrer noch geben und auch beim Fahren wird ihm die Arbeit weitestgehend abgenommen.
Das DSG-Doppelkupplungsgetriebe kümmert sich um schnelle Ampelstarts und zugkraftunterbrechungsfreie Gangwechsel, ohne das der Fahrer Rallytalente braucht, oder ein Kupplungsartist sein muss. Den Wählhebel auf S und wie an der Playstation mit den Schaltpaddles hinter dem Lenkrad die Gänge rauf oder runter geklickt – fertig.
Wahrscheinlich kann man so das Dilemma des Scirocco am Besten nachvollziehen. Natürlich ist er wahnsinnig schnell, agil, fahraktiv und dennoch sicher, sparsam, hochwertig und so weiter – aber der Fahrer bekommt davon genauso viel mit wie bei einem Videospiel: er drückt zwar die entsprechenden Knöpfe, doch das Gefühl bleibt auf der Strecke.
Objektiv betrachtet kann sich der ambitionierte Fahrer nicht beschweren, die Hausfrau wird auf dem Weg zum Discounter gar nicht merken in einem Sportler zu sitzen und auch die erwähnte Schwiegermutter wird keine Einwände haben – höchstens wird sie vom rotzenden Auspuff irritiert sein, der bei jedem Gangwechsel herrliches Nachverbrennungsgespratzel ins Freie entlässt.
Eigentlich verwundert es, dass man diese Eigenart nicht bei der Endabnahme in Watte gepackt hat und doch ist es das letzte Fünkchen Hoffnung, dass es in Wolfsburg noch aufrichtige Ingenieure gibt, die wissen wie man Spaß in die Modellpalette bringt.
Der Scirocco ist mitnichten ein schlechtes Auto, man kann wahrscheinlich kaum ein besseres bauen – doch zum echten Volksheld fehlt es ihm an Ecken und Kanten. Er ist zu glatt und zu kalt, als dass man ihn wirklich ins Herz schließen könnte.
Wahrscheinlich werden es die neuen R-Versionen richten müssen. DerGolf VI R20 Turbo gibt schon einen Vorgeschmack auf das was kommen wird.
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